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Ostfriesischer Kurier, 18.03.2014
03/2014 lutz bögemann
einführung in die ausstellung von norbert bierbaum ich begrüße herzlich zur eröffnung der ausstellung mit fotografien von lutz bögemann. wer schon mal eine eröffnung hier erlebt hat weiß, dass wir normalerweise auf unserem roten sofa eine art interview mit dem künstler oder der künstlerin machen um ihnen selbst gelegenheit zu geben ihre arbeiten vorzustellen, das geht in diesem falle nicht, lutz bögemann ist am 9. oktober 2010  gestorben. er ist nicht ganz 76 jahre alt geworden. ich freue mich aber, seinen bruder jens bögemann und seine frau zu begrüßen. ihnen beiden haben wir auch zu verdanken, dass diese ausstellung möglich wurde. ich persönlich kenne lutz - so wie etliche der hier anwesenden - als kollegen. bis zu seiner pensionierung im jahre 1999 war er sonderschullehrer an der förderschule brookmerland hier in marienhafe, wir haben bis dahin zusammen fast jede pause im raucherlehrerzimmer verbracht. privat verband uns das gemeinsame hobby, das fotografieren. bei jedem meiner besuche zeigte er mir seine neuen werke und das, was er an rohmaterial fotografiert hatte. im laufe der jahrzehnte bekam ich so nicht nur einen überblick über das, was ihn fotografisch umtrieb, sondern wir begleiteten unsere ambitionen gegenseitig durchaus wohlwollend kritisch. seine interessen und motive veränderten sich im laufe der jahre durchaus und abrupt. wenn er mit einem thema durch war, wendete er sich ab und hin zu einer neuen variante. so radikal wie bei lutz lässt sich die gliederung eines fotografenleben in verschiedene perioden kaum beobachten. zu beginn unserer bekanntschaft war gemeinsames thema die ostfriesische landschaft - lutz machte dias während ich mich im schwarz-weiß bereich versuchte, er beschäftigte sich danach mit makrofotografie, fotografierte pflanzen und insekten vorwiegend in seinem garten, ich machte tierportraits. dann begann das digitale zeitalter in unserer fotografie und lutz lernte die vielfalt digitaler bearbeitungsmöglichkeiten am computer kennen und schätzen. ich war in der glücklichen lage, der entwicklung immer einen oder zwei schritte hinterherzuhinken und konnte deshalb immer wieder software oder apparate, die lutz in seiner weiterentwicklung hinter sich gelassen hatte, zum gebrauchtgerätepreis übernehmen. seine große experimentierfreude auch bei der beschaffung und beim loslassen von gehäusen, objektiven, und anderer hardware sorgte dafür, dass auch andere fotografen oder freunde der unterhaltungselektronik sich auf diese weise bei lutz versorgten.      lutz war zeit seines lebens single und er hat viele mittel - und besonders nach seiner pensioniering sehr viel zeit und energie auf sein hobby verwendet. man kann sagen, die fotografie war nach seinem berufsleben und neben seinem ausgeprägten interesse an allem, was irgendwie mit japan zu tun hatte sowie dem lesen von krimis oder seltsamen fernsehserien lebensinhalt. vor der pensionierung waren neben der fotografie und anderen betätigungen auf bildnerischem gebiet - seine schüler, die akribische vor- und nachbereitung seines unterrichts,  sein garten, das züchten von fuchsien die passionen, an die ich mich erinnere. alle, die lutz in erinnerung haben, werden mir zustimmen, dass lutz sich allem, was er tat, mit großer zuwendung und dem streben nach vollkommenheit gewidmet hat. dass die fotografie dabei seine hauptbeschäftigung und sein hauptinteresse war, gelungene aufnahmen ihn in hochstimmung versetzten, tagelange misserfolge oder fehlende inspiration bei der suche nach neuen motiven ihn in echte depression verfallen ließen, werden alle wissen, die mit ihm zu tun hatten. im gegensatz zu uns amateuren hat lutz im anschluss an seine lehre als fotofachverkäufer in den frühen 50er jahren des letzten jahrhunderts auch noch eine weiterbildung zum fotografen gemacht - die prüfung, wer würde das in zweifel stellen, mit "sehr gut" bestanden. erst nach zehn jahren im fotofachgeschäft - seine tätigkeit als kurparkfotograf eingeschlossen - wechselte er sein berufliches betätigungsfeld und studierte in hannover und oldenburg auf lehramt. parallel dazu, vorher und nachher,  gab es immer wiederkehrende künstlerische betätigungen in unterschiedlichsten techniken. holzschnitt, drucktechniken, malen mit kreide und öl kennzeichneten  phasen seiner arbeit. bei den vorbereitungen dieser ausstellung besuchte ich frau und herrn bögemann in der nähe von hamburg. dort zeigten sie mir ein ölgemälde aus den fünfziger oder sechziger jahren, nie hatte ich davon gehört, dass er sich damit beschäftigt hatte, denn  - typisch für ihn - wurden am ende jeder phase alle spuren, die auf sie verwiesen, getilgt. die wohnung von lutz schmückten in der anfangszeit unserer bekanntschaft seine collagen und tuschezeichnungen, die sehr von der japanischen malerei inspiriert waren. am ende dieser phase waren all diese bilder verschwunden - lutz hatte sich einem neuen thema und neuen techniken zugewandt. auch der bildnerischen kleinkunst, comics und cartoons war er zeitweise zugetan. dabei kam sein sehr hintergründiger und skurriler humor zum vorschein, der dem gemeinen mitmenschen mitunter sehr gewöhnungsbedürftig erschien. alle fotos, die sie hier sehen, sind in seinen letzten jahren entstanden, viele sind noch in den rahmen, in denen sie in seiner vareler wohnung hingen, als er starb. nach varel war er zwei jahre zuvor gezogen, nachdem er vorher in marienhafe, hinte, norden und während seiner dienstzeit in einem kleinen haus gleich neben der neuapostolischen kirche in leezdorf gewohnt hatte. rost, holz, backstein, das sind die themen, um die es in dieser ausstellung geht. daneben hat lutz bögemann sich in seinen letzten jahren mit flechten, dem, was man im spülsaum finden kann oder zum beispiel mit der fotografischen erfassung von vogelklecksen beschäftigt. was haben all diese motive gemeinsam? zum einen sind sie in der wirklichkeit sehr klein. dem ungeübten darüberhinwegseher kaum wahrnehmbar. lutz hat sehr viel zeit und oft genug auch mühen verwendet, um sie zu finden und ihrer habhaft zu werden. er wusste wohl, wohin er fahren musste, um das zu finden, wonach er suchte. rost zum beispiel gab es an containern, an schiffen und alten lastwagen und anhängern. alte metallflächen, mehrmals ubereinanderbemalt, abplatzende farbschichten, kratzer und schrammen, durch die sich im laufe der jahre der rost gefressen und absonderlichste blüten getrieben hatte, das waren seine modelle. er fand sie in häfen, an altkleidersammelstellen, auf dem bahnhof der norder museumsbahn. oft genug beoachteten ihn menschen bei seinem tun und konnten sich beim besten willen nicht vorstellen, was lutz da fotografierte. in der regel hatte er ein einbeinstativ dabei, mit dem er allerdings nicht die camera vom boden abstützte, sondern von der wand, die er gerade fotografierte. so diente das stativ nicht nur zur ruhigstellung der camera, sondern auch als abstandmesser. bei den winzigen abständen zum objekt kam es dabei auf höchste genauigkeit beim messen an. zum einsatz kam meistens ein ring- oder anderer elektronenblitz, mit dessen hilfe er das motiv frontal ausleuchtete. keinerlei schatten sind deshalb zu sehen, hoch sind die kontraste und oft grell die farbigkeit. beleuchtungseffekte wie sie durch folien, filter indirekte beleuchtung entstehen, waren seine sache nicht. weitere ziele seiner fotografischen exkursionen waren kirchen. dort gab es alte backsteine, oft noch in dem überdimensionierten klosterformat, über jahrhunderte von der witterung gezeichnet und von flechten bewachsen. ich bin sicher, es gibt im umklreis von hundert kilometern keine alte kirche, die lutz nicht auf ihre tauglichkeit als motivlieferant genau abgesucht hätte. sehr bedauerlich fand er, dass ihm nur ein bestimmter bereich der kirchenmauern zugänglich war. seine zwar beträchtliche, jedoch nichts desto weniger endliche körpergröße, begrenzte den bereich des erreichbaren doch sehr. ich habe heimlich darauf gewartet, was er sich ausdenken würde, um diese grenzen zu sprengen. es ist nicht mehr dazu gekommen. weil irgendwann die auswahl der geeigneten kirchen zuende ging, plante lutz ernsthaft, auch den ostfriesischen raum zu verlassen, um anderswo verwitterung abzulichten. ganz neidisch war er, wenn ich ihm fotos vom wendland zeigte, das seinem bekunden nach nicht so aufgeräumt und entrümpelt wie ostfriesland schien. alte, dem verfall preisgegebene hütten, lagerplätze, und schrottplätze, die seit menschengedenken keine pflege mehr erlebt hatten, das waren die motive, die er sich wünschte. wie oft beklagte er sich, dass die ostfriesen ein gestörtes verhältnis zum verfall hätten. in irland zum beispiel würde sich niemand berufen fühlen, ein haus, welches nicht mehr gebraucht würde, abzureißen und das grundstück zu planieren, damit es ordentlicher aussähe und die nachbarn keinen grund zum lästern fänden. ein traumziel, das er bis zu seinem lebensende nicht erreicht hat, war venedig. was ihn von dieser reise abhielt, war wohl sein unwille, allein zu fahren zu müssen. andererseits schätzte er die stille und die abwesenheit von menschen. coram publico - so sein ausspruch - fühlte er sich immer unwohl. und venedig für sich allein zu haben, diese vorstellung war wohl eher abwegig. das dritte große thema, um das es in dieser ausstellung gehen soll, ist holz. verwittertes, schimmeliges, abgenagtes, angemaltes, zerbrochenes, vermoderndes holz, holz mit einschlüssen, vom blitzschlag gezeichnet, holz - auch das gehörte zum bevorzugten motivbereich von lutz bögemann. den titel der ausstellung habe ich übrigens von ihm übernommen. eine der ganz wenigen ausstellungen, die er zu lebzeiten gemacht hat oder an denen er sich beteiligte, war 2005 im norder rathaus. die bilder dafür haben wir zusammen ausgesucht und in norden aufgehängt. mancher betrachter wird erst durch einen hinweis wahrnehmen, dass es sich um fotos handelt, die bilder wirken wie abstrakte bilder, und nur weil das medium fotografie wenig möglichkeiten bietet, abstrakte ergebnisse zu liefern, wird man als unbefangener betrachter akzeptieren müssen, dass es sich um realismus handelt. abfotografierte wirklichkeit. was auf den bildern, die hier zu sehen sind, zu sehen ist, habe ich also nun beschrieben. holz, backstein, rost., wenden wir uns der frage zu, wie und warum lutz diese bilder gemacht hat. "was will der künstler uns damit sagen?" das war eine der fragen, auf die lutz ziemlich allergisch reagiert hat,"sagen will ich überhaupt nichts mit meinen bildern. sie sollen etwas zeigen. sie sollen auf etwas aufmerksam machen." diese aussage habe ich noch im ohr. dass lutz allerdings nicht nur abbilden wollte, wird jedem klar, der sich diese bilder ansieht. lutz hat in seiner fotografie sichtbares für uns aufbereitet. im sinne von paul klee, der gesagt hat: kunst gibt nicht das sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. was heißt das für lutz: dadurch, dass wir unsere umwelt nur in großen zusammenhängen wahrnehmen und auf das abklopfen, was unserer orientierung dient, gehen unserer aufmerksamkeit dinge verloren, die unabhängig von ihrem informationsgehalt einfach nur ästhetisch reizvoll sind. um sie und ihren reiz sichtbar zu machen, hat lutz seine motive zuerst einmal aus dem zusammenhang ihrer umgebung herausgelöst, er hat sie isoliert. der blick auf einen altglascontainer wird für die meisten von uns von einem anderen interesse gelenkt sein als dem, winzige strukturen, formen, zeichen farbharmonien oder kontraste aufzuspürten, es bedarf schon einer gewissen übung und beharrlichkeit, sich von der vielfalt verwirrender flecken, linien, punkte nicht beirren zu lassen und der einzelheit auf die spur zu kommen. wenn nun ein  zeichengefüge die aufmerksamkeit von lutz gefunden hat, so löst er es aus seinem zusammenhang, indem er die umgebung, ohne die wir in der natur dinge nicht wahrnehmen können, aus seinen bildern ausschließt. er isoliert sein motiv. außerdem spielt wohl die vergrößerung bei der wahrnehmung eine wichtige rolle formen, die in wirklichkeit oft nur wenige zentimeter groß sind, werden einer zigfachen vergrößerung unterworfen. spezielle makroobjektive kamen dazu zum einsatz. und in dieser vergrößerung liegt noch ein weiterer faktor der verfremdung, denn es gibt in den bildern in der regel keinen hinweis auf den maßstab und die wirkliche größen und die größenverhältnisse seiner motive. und wir haben auch anders als in der landschafts- oder portraitfotografie keinerlei erfahrungswerte, vor denen wir eine einschätzung vornehmen könnten. im letzten schritt erfolgt die digitale aufbereitung am computer. mit hilfe von bildbearbeitungsprogrammen hat lutz farben und kontraste verändert, er hat störende bildteile aus seinen ansichten entfernt, verändert oder versetzt, er hat die abbildung seinen ästhetischen ansprüchen angenähert. dem motiv ganz eindeutig nicht dokumentarischen behandlung verordnet, sondern der gestaltung eindeutig vorrang gegeben.  es war ihm - soweit ich das beurteilen kann - eigentlich ziemlich egal, was er abgebildet hat. steine, rost oder holz waren nur insofern bevorzugtes objekt, weil sich in ihnen oft die phänomene gefunden haben, für die er sich interessiert hat. nicht das abgebildete, sondern die abbildung stand für ihn im vordergrund. und eigentlich will lutz mit seinen bildern auch nicht hinweisen auf die farben- und formenvielfalt, die unsere umwelt bietet, sondern der doch recht freie freie umgang mit seinen motiven lässt eher darauf schließen, dass er beim zeigen die abbildung, die sichtbarmachung höher bewertet als das abgebildete. lutz hat zeit unserer bekanntschaft in einem widersruch gelebt. einerseits war er daran interessiert, seine kunst herzuzeigen und zur diskussion zu stellen. andererseits traute er zwar seinen bildern, nicht aber unbedingt den betrachtern seiner werke. er fürchtete ihre ignoranz oder mangelnde wertschätzung seiner arbeiten. das war auch der grund, warum er einerseits darunter litt, dass seinen bildern verhältnismäßig wenig öffentliche aufmerksamkeit entgenengebracht wurde, er es aber gleichzeitig vermied, der öffentlichkeit seine bilder zugänglich zu machen. laufkundschaft in einer bankfiliale oder einer wandelhalle traute er nicht zu, dass sie seinen arbeiten genügend respekt oder zumindest beachtung zumessen würden. lokalitäten, die er für die präsentationen seiner arbeiten in die engere wahl zog, mussten sich einer strengen prüfung unterziehen. ich glaube, einige wartezimmer von arztpraxen bestanden die prüfung und er hat durchaus auch bilder verkaufen können, wenn menschen gelegenheit hatten, sich ihnen zu nähern. ich bin sicher, unsere kleine theaterwerkstatt hätte die aufnahmeprüfung bestanden, wenn ich daran zweifel hätte, würde ich eine ausstellung mit seinen bildern hier jetzt nicht eröffnen. können wir etwas lernen von dieser ausstellung? ich hoffe, sie öffnet ein paar augen. ich hoffe, sie macht aufmerksam für die kleinen dinge die oftmals in gefahr geraten, im getümmel und gedränge, in der mehrdeutigkeit und der unübersichtlichkeit unterzugehen. dass dieses ziel allerdings von allen als fundamental und erstrebenswert erachtet wird, darüber habe ich schon meine zweifel. aber: zu den zielen dieser einrichtung gehört es jedoch erklärtermaßen, nicht dem mainstream zu folgen, sondern durchaus kulturell interessierten außenseitern ein forum zu geben. mal diesen, mal jenen. ich weiß, dass nicht jeder der hier anwesenden oder der vereinsmitglieder unbedingt mit dieser art von fotografie etwas anfangen kann. im sinne von lutz möchte ich deshalb schließen mit der durchaus elitären erkenntnis: die kunst ist für alle geschaffen. aber nicht alle sind für die kunst geschaffen. dieses zitat ist übrigens von hans hildebrandt.